Die Value Perspektiven Interview Reihe verfolgt das Ziel, euch breite Blickwinkel zum Thema Investment aufzuzeigen. Wir sprechen mit interessanten Persönlichkeiten aus unterschiedlichsten Bereichen und erweitern unseren Horizont als Investoren. Ehrliche Gespräche mit offenen Menschen bringen einen meist weiter – genau das tun wir hier und schreiben dazu.

Im dritten Teil der Serie haben wir Jan Steinbächer zu Gast. Jan hat nach seinem BWL Studium in Monaco sieben Jahre lang als Investmentbanker gearbeitet bevor er die Reißleine zog und der Branche den Rücken kehrte. Er verbrachte einige Monate in mehreren asiatischen Ländern, brachte sich in Vorbereitung auf seinen ersten MMA Kampf in beste physische Form und teilt die Erfahrungen in einem Buchprojekt mit seinen Lesern. Aktuell berät er Privatleute dazu, ihre finanziellen Schwierigkeiten in den Griff zu bekommen.

Im Value Circle Interview teilt Käfigkämpfer Jan Steinbächer skurrile Erlebnisse aus der Investmentbanking Welt mit euch, resümiert über die Lehren der letzten Jahre und verrät, in welchen Formen er in der Vergangenheit sowie aktuell investiert ist.

The Value Circle: Du hast in Monaco BWL studiert, berufsbegleitend einen LLM erworben und 7 Jahre als Investmentbanker gearbeitet – Was haben dich diese Jahre über Investment gelehrt?

Jan Steinbächer: Insbesondere meine berufliche Praxis hat mich gelehrt, dass man nie in Unternehmen investieren sollte, deren Geschäftsmodell man nicht 100%-ig versteht. Beispielsweise müssen Strategie und Markt klar definiert und deren Ratio nachvollziehbar sein. Auch sollte man nicht nur die „nackten Zahlen“ analysieren, sondern sich die Unternehmenslenker ganz genau anschauen, ferner auch die Kundenstruktur, Tochterunternehmen etc. Dies ist insbesondere bei jungen Unternehmen – egal ob public (IPO) oder private equity (z.B. Venture Capital) – ein kritischer Punkt, da diese noch keine lange Historie vorweisen können und man daher eher in Menschen investiert anstatt in eine bereits bewiesene Equity Story.

Man hört immer über skurrile und lustige Geschichten aus der Investmentbanking Welt. Was hast du so erlebt? Erzähl doch mal…

In der Tat ist die Welt des Investmentbankings eine der skurrilsten Sphären, in denen ich mich jemals bewegt habe. Ursächlich dafür dürfte die einzigartige Kombination aus gewissen Persönlichkeitstypen sein (nicht selten gierige Narzissten), die dort aufeinander treffen, unglaublich hohe Geldsummen, die da bewegt werden, eine folterähnliche Arbeitskultur, sowie Top Level Kunden, die eine Null Fehler Toleranz haben. Zudem bedeutet gerade die Überschneidung mit dem schnelllebigen Kapitalmarkt und der hohe Wettbewerbsdruck eine Hetzjagd nach der immer nächsten Deadline. Auf Dauer richtet das den menschlichen Geist zugrunde, viele greifen zu (illegalen) Drogen, oftmals wird Koks geschnupft, um sich immer weiter zu pushen.

Mein ehemaliger Chef – seinerzeit immerhin Bankvorstand – warf regelmäßig mit Flaschen nach seinen Senior Bankern, wenn er mit deren Performance nicht zufrieden war. Seine Bürolampe bestand aus einer vergoldeten Kalashnikov mit Lampenschirm, hinter ihm hing ein Ölgemälde mit den blutroten Lettern „No business with assholes“. Weil die dort arbeitenden Menschen meist overworked (und underfucked) sind, arten Parties – übrigens auch oder gerade mit Kunden – in regelrechten Orgien aus. Die meisten Stories kann ich öffentlich garnicht erzählen.

In meinem Buch „Käfigkämpfer – vom Banker zum Boxer“ (erschienen im Rowohlt Verlag, Hamburg) lade ich den interessierten Leser dazu ein, einen Blick hinter die Kulissen dieser kranken Branche zu werfen – sonst würden meine Ausführungen den Rahmen dieses Interviews sprengen.

Aktuell berätst du Privatkunden in Finanzthemen, wie unterscheidet sich diese Tätigkeit von der Zeit als Berater von Unternehmen?

Die Tätigkeit ist für mich vor allem eines: sinnstiftend. Unter anderem helfe ich Privatleuten, die echte (finanzielle) Probleme haben, aus der Misere oder den Traum eines Eigenheimes zu realisieren. Das ist für mich etwas anderes, als Reichen dabei zu helfen noch reicher zu werden.

Wie sehen deine eigenen Investment Erfahrungen aus und was empfiehlst du (jungen) Menschen die beginnen ihr Kapital zu investieren?

Stellt euch erstmal einen Plan auf. Was wollt ihr vermögenstechnisch wann erreichen etc? Jeder sollte erstmal einen Notgroschen haben (2-3 Monatsgehälter auf der hohen Kante), damit man für unvorhergesehene Ausgaben gewappnet ist. Als Basis für einen langfristigen Vermögensaufbau halte ich ETF-Sparpläne für zielführend, da breit diversifiziert, man vom Cost-Average-Effekt profitiert und das ganze sehr wenig Management Fee und praktisch keinen Verwaltungsaufwand kostet. Wenn man dann noch Spielgeld übrig hat, kann man ruhig etwas riskieren, denn die Basis steht ja. Wichtig: Nur Geld investieren, das ihr übrig habt und dafür auf keinen Fall Kredite aufnehmen (wenn doch, kommt zu mir –Spaß 😊).  Klingt logisch, ich habe aber einige Leute sehr tief fallen sehen, darunter sogar einige Vermögensberater, die das gemacht haben. Gier frisst Hirn. Nicht der breiten Masse folgen. Nur weil es alle machen, heißt nicht, dass es richtig ist (siehe Neuer Markt um die Jahrtausendwende, Ost-Immobilien etc.).

Ich habe während des Studiums angefangen in Aktien zu investieren und mir ein Portfolio aus insgesamt 15 deutschen und internationalen Werten aufgebaut. Zu Anbeginn meiner Investmentbanking-Zeit in Frankfurt wurde mir das aber zu konservativ und ich versuchte mich mit Derivaten. Mit einigen Turbo Bull Zertifikaten habe ich mir ziemlich die Finger verbrannt, weshalb ich das glücklicherweise recht schnell wieder sein ließ (lacht).

Seitdem investiere ich gelegentlich in Dividenden-Titel. Mein Buchprojekt und eine sehr umfangreiche Hausbauphase hatte meine Prioritäten in den letzten Jahren verschoben, sodass ich es hielt wie Kostolany: „Kaufen Sie Aktien, nehmen Sie Schlaftabletten und schauen Sie die Papiere nicht mehr an. Nach vielen Jahren werden Sie sehen: Sie sind reich.“ Auf die Erfüllung des letzten Teiles dieser Weisheit warte ich noch (lacht). Aber im Ernst, bisher fahre ich damit sehr gut und nebst Dividendenerträgen kann sich auch die Kursentwicklung sehen lassen (darunter z.B. Deutsche Post 400% in 2 Jahren, Telekom 47% im selben Zeitraum, nur die Deutsche Bank lässt mich aktuell mit -60% im Stich). Für hochriskante Zockerei steht mir momentan einfach nicht der Sinn, da mir aufgrund diverser anderer Projekte die nötige Zeit fehlt, um mein Portfolio täglich zu tracken.

Wie siehst du den Aktienmarkt heute? Was ist deine Einschätzung für Europäische/US und Emerging Market Aktien auf die nächsten 3-5 Jahre gesehen? Was bereitet dir am meisten Sorgen bzw. wo siehst du die größten Chancen?

Die von der EZB unter Draghi verfolgte Kapitalmarktpolitik macht es mir offen gesagt schwer eine längerfristige Prognose zu treffen, mit der ich mich wohlfühle. Das liegt vor allem daran, dass es keine historischen Erfahrungswerte mit dieser Geldflutungsstrategie gibt. Draghi hat damit m.E. ein unkontrolliertes Monster erschaffen, von dem keiner so richtig weiß, wieviel Zerstörung es wann anrichten wird. Fakt hingegen ist, dass die EZB bereits seit einiger Zeit Monat für Monat Anleihen für 60 Milliarden Euro aufkauft, doch längst nicht mehr nur von Staaten – die EZB investiert aktuell pro Woche (!) ca. 2 Milliarden Euro in Firmenanleihen (darunter bspw. Bayer und VW). Die Unternehmen zahlen dafür praktisch nichts, werden dadurch zu Übernahmen geradezu verleitet, ob sinnvoll oder nicht.

Das Dogma, Deflation um jeden Preis verhindern zu wollen, wird bald einen Preis haben, davon bin ich überzeugt. Ehrlich gesagt habe ich bereits Anfang 2017 mit einem Crash gerechnet, aber die „Währungshüter“ zögern die Party länger raus als ich dachte – doch der Kater wird damit nicht verhindert, im Gegenteil. Hier liegen aber natürlich auch Chancen. Ein Crash hat auch immer etwas Bereinigendes. Ich fülle aktuell meine Kriegskasse und werde wieder „kaufen, wenn die Kanonen donnern“ (Carl Mayer von Rothschild).

Die USA habe ich in Form von Einzeltiteln nicht auf der Invest-Agenda. Mit dem aktuellen Präsidenten Trump, der in seinem politischen Handeln vollkommen unberechenbar ist, wage ich keine Prognose zu treffen. Für den US-Aktienmarkt verheißt er jedoch nichts Gutes, denn er verkörpert das Gegenteil von Vertrauen – und das braucht der Markt, um sich positiv zu entwickeln.

In Emerging Markets würde ich persönlich nur breit diversifiziert über ETFs investieren.

Welche Bücher haben deine Denkweise oder deine Investments beeinflusst? Was sind die Lehren die du hieraus gezogen hast? Welche Investoren verfolgst du heute?

  • Sämtliche Bücher von Robert Kiyosaki: Lehren –> u.a. Immobilienstrategie, passives Einkommen etc.
  • Geoff Thompson: Die Angst –>Träume leben, sich Ängsten stellen, handeln statt nur reden
  • Gerd Kommer: Souverän investieren mit Indexfonds & ETFs – Lehre –> kostengünstige,  langfristige, hochdiversifzierte und managementarme Anlagestrategie als Basis jeder Vermögensaufbaustrategie mit Inflationsschutz und Cost-Average-Vorteilen
  • Florian Homm – Konzept der eigenen Due Diligence –> nicht nur auf die nackten Zahlen schauen, sondern versuchen hinter die Kulissen zu schauen (wie stehen die Kunden da, Tochterunternehmen etc.)

Soros, Buffet und auch Homm sind Investoren, auf deren Handeln ich immer mal wieder schaue.

Was war dein bester Kauf, den du je getätigt hast? (vollkommen egal in welchem Bereich)

Das muss um 2007 gewesen sein, kurz bevor ich mein erstes Studium abschloss. Ich hatte einige Tausend Euro in ein australisches Molybdän-Venture (Moly Mines) investiert und damit innerhalb weniger Wochen meinen Einsatz verdreifacht. Zum jeweils perfekten Zeitpunkt rein und wieder raus – das war natürlich reines Glück.

Du hast dich 2014 entschieden dem Investmentbanking den Rücken zu kehren, dich auf den Weg zu einem MMA Kampf in Asien gemacht und ein Buch geschrieben. Wie kam es dazu?

Meine sieben Jahre im Investmentbanking waren sehr wertvoll. Ich hatte anfangs eine extrem steile Lernkurve, traf unzählige interessante Menschen und arbeitete an über 50 nationalen und internationalen M&A-Projekten. Doch nach einigen Jahren stellte ich mir die Sinnfrage. Wofür das eigentlich alles? Ständig die Hetzjagd nach dem nächsten großen Deal, fremdbestimmt am Terminkalender von Workaholics zu hängen (ich war ja selbst schon einer, zugegebenermaßen), während das Privatleben – Familie, Freunde, Sport – weitestgehend auf der Strecke blieben, fühlte sich alles andere als richtig an. Geist und Körper rebellierten. Mir war klar, wenn ich jetzt nicht aussteige, wird es richtig übel.

Kurz vor dem kompletten Burnout zog ich die Notbremse und besann mich auf meine alte Passion, die Kampfkunst. Ein Jahr verbrachte ich in Thailand und Bali mit täglichem Kampfsporttraining, brachte mich in die körperliche und geistige Form meines Lebens. Aber der Weg dorthin war steinig, die Psyche regeneriert sich nicht über Nacht. Dafür geht es mir jetzt so gut wie noch nie im Leben.

Wie hat dich dieser Lebensabschnitt verändert und hat sich die Perspektive auf das Thema Finanzen und Investment ebenso gedreht?

Den Kapitalmarkt habe ich in großen Teilen als Spielplatz für schwerreiche Jungs kennengelernt. Die Anzahl der Insider-Geschäfte war erschreckend hoch, die „Chinese Walls“ hatten mit ihrer Namensgeberin mehr gemeinsam (schöne Aussichtsplattform auf die andere Seite) als mit der ihr zugedachten Informationsschutzfunktion (vor Insiderwissen). Research-Berichte waren meist nicht das Papier wert, auf denen diese gedruckt waren. Auch und gerade von preisgekrönten Star-Analysten. Das alles hat dazu geführt, dass ich erstmal ein paar Jahre das Interesse am Kapitalmarkt verlor – zu ernüchternd war der Reality Check. Aber es hatte auch etwas Gutes: ich wurde generell vorsichtiger im Leben, lernte noch mehr zu hinterfragen. Das ist eine gute Basis für solide Investment-Entscheidungen. Letztlich führte dies dazu, dass ich mich detailliert mit dem Thema ETFs beschäftigte.

Seit meiner Auszeit in Asien bin ich wieder mit mir und meinem Lebensentwurf im Reinen. Ich habe in mich investiert und die beste Rendite erhalten, die man sich wünschen kann: Zufriedenheit. Dadurch bin ich auch ein viel besserer Sohn, Freund, Partner, Kumpel, Arbeitskollege, Enkel, Trainingspartner etc. Wie mein Trainer Olavo Abreu sagte: „Nobody wants to stay around unhappy people anyway.“

Wie verbringst du deine Zeit, wenn es nicht gerade um das Thema Finanzen geht?

Der Sport hat weiterhin einen hohen Stellenwert in meinem Leben. MMA und Boxen trainiere ich regelmäßig, vor einiger Zeit habe ich ein neues Lieblingstool entdeckt – Turner-Ringe. Die Dinger lehren einen wirklich was Demut heißt. Hier habe ich neben dem Kampfsport eine neue Herausforderung gefunden, wenn es um Kraft und absolute Körperbeherrschung geht. Ansonsten bin ich liebend gerne mit meiner Freundin in den Bergen unterwegs und liebe Bücher – in dieser Hinsicht bin ich ein echter Nerd, da ich tatsächlich den ganzen Tag mit Lesen verbringen könnte (lacht). Vor allem Biographien und Sachbücher. Es gibt so viele kluge Köpfe, die ihre Sicht auf die Welt und ihr Wissen mit uns teilen, das fasziniert mich immer wieder.

Abschließende Worte – Ein Thema das dich beschäftigt/dir am Herzen liegt. Etwas, dass du noch erwähnt haben möchtest?

Am meisten Freude – und darum geht es im Leben doch eigentlich wirklich – hatte ich im Zusammenhang mit Investments immer dann, wenn ich nicht zu verbissen an die Sache heranging. Wer damit den schnellen Euro verdienen möchte, handelt oft unter Druck, und das führt meist zu schlechten Entscheidungen und seltsamem Verhalten – wie beim Dating.

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Hier findest du die vorherigen Interviews aus der Serie

Hat dir das Interview mit Jan Steinbächer gefallen? Teil I und II der Serie Value Perspektiven mit den Interviews von Florian Homm und Steffen Johnen bzw. Marc Schäffner findest du unter den Links hinter ihren Namen.

 

 

 


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